Die Bundeskongress-Reihe der Kunstpädagogik: München 2003 bis Salzburg 2015


Die Bundeskongresse der Kunstpädagogik sind im deutschsprachigen Raum das wichtigste Forum für die Fachgemeinschaft. Sie bringen Lehrkräfte, Hochschullehrende, Studierende und Bildungspolitikerinnen und -politiker zusammen – und sie spiegeln, welche Fragen das Fach in einem bestimmten Moment für zentral hält.

Die Kongresse zwischen 2003 und 2015 lassen sich im Rückblick als Auseinandersetzung mit einem Grundproblem lesen: Was soll Kunstpädagogik in einer Schule leisten, die sich wandelt? Die Antworten haben sich verändert. Die Frage ist geblieben.

München 2003: Generationengespräch

Der erste Bundeskongress dieser Reihe fand 2003 in München statt, unter dem Leitthema “Generationengespräch”. Das Thema war programmatisch doppeldeutig: Es meinte einerseits den Dialog zwischen Lehrenden und Lernenden, andererseits die Auseinandersetzung zwischen etablierten Fachvertreterinnen und -vertretern und einer jüngeren Generation von Kunstpädagoginnen und -pädagogen, die andere Fragen mitbrachte.

Inhaltlich stand die Frage im Mittelpunkt, welche Bildungsziele Kunstunterricht in einer pluralen Gesellschaft verfolgen soll. War das Fach lange von einem Bildungshumanismus geprägt, der Kunst als Weg zur Persönlichkeitsbildung verstand, so meldeten sich in München Stimmen zu Wort, die nach den sozialen und politischen Dimensionen des Unterrichts fragten.

Der Kongress war bewusst offen konzipiert: keine abschließenden Papiere, keine Resolutionen. Das Gespräch selbst war das Format.

Leipzig 2005: Kunstpädagogik im Projekt der allgemeinen Bildung

Zwei Jahre später, in Leipzig, formulierte das Leitthema eine Positionsbestimmung: “Kunstpädagogik im Projekt der allgemeinen Bildung”. Der Bildungsbegriff war nicht zufällig gewählt – die Debatte um PISA, Kompetenzorientierung und Kerncurricula war in vollem Gange, und das Fach Kunst stand unter Rechtfertigungsdruck.

Die Leipziger Diskussionen kreisten um die Frage, ob Kunstunterricht seinen Anspruch auf Bildung – in einem substantiellen Sinn, nicht nur als Kompetenzpaket – noch aufrechterhalten kann und wie er ihn begründet. Der Kongress brachte keine Einigkeit, aber er schärfte die Positionen.

Ein prägender Strang der Diskussion betraf ästhetische Erfahrung als Bildungsziel: Was passiert, wenn Kunstunterricht auf messbare Outputs reduziert wird? Was geht verloren, wenn das Unverfügbare, Überraschende am Kunsterleben aus dem Lehrplan herausgekürzt wird?

Dortmund 2007: Unvorhersehbares Lernen

Mit “Unvorhersehbares Lernen” als Motto legte der Dortmunder Kongress 2007 einen anderen Akzent. Das Thema war eine Antwort auf die Kompetenzorientierungsdebatte – aber keine defensive. Es war der Versuch, das Unplanbare, Unkontrollierbare im Lernprozess als Qualität zu verteidigen.

Kunstunterricht, so die zentrale Argumentation, lebt davon, dass Ergebnisse nicht vorhersehbar sind – weder die ästhetischen Ergebnisse der Schülerinnen und Schüler noch die Richtung, die ein Unterrichtsgespräch über ein Kunstwerk nehmen kann. Diese Offenheit ist kein Mangel, den man beheben muss. Sie ist konstitutiv für das Fach.

Dortmund war auch methodisch interessant: Neben klassischen Vorträgen gab es verstärkt Werkstattformate, die das “Unvorhersehbare” im Kongress selbst erproben wollten.

Düsseldorf 2009: Orientierung

Der Bundeskongress 2009 in Düsseldorf stand unter dem Thema “Orientierung” – ein Begriff, der bewusst weit gehalten war. Gemeint war beides: die Orientierung, die Kunstunterricht Schülerinnen und Schülern in einer komplexen Medienwelt geben kann, und die fachliche Orientierung der Kunstpädagogik selbst in einem sich verändernden Bildungssystem.

Inhaltlich brachte Düsseldorf eine Stärkung der kulturwissenschaftlichen Perspektive. Bildkompetenz, visuelle Kultur, der Umgang mit Alltagsbildern und Medienbildern rückten stärker in den Mittelpunkt, ohne den Eigenwert ästhetischer Praxis aufzugeben. Das war keine neue Diskussion, aber sie gewann in Düsseldorf an Gewicht.

Dresden 2012: Partizipation

Der Dresdner Bundeskongress 2012, mit “Partizipation” als Leitbegriff, kam zu einem Zeitpunkt, an dem die Frage nach Teilhabe und Mitgestaltung in vielen gesellschaftlichen Bereichen neu gestellt wurde. Kunstpädagogik sollte sich positionieren: Was kann das Fach zu einer Kultur der Partizipation beitragen?

Mitverantwortlich für die wissenschaftliche Ausrichtung war Marie-Luise Lange von der TU Dresden, die den Kongress programmatisch mitgeprägt hat. Die Verbindung von künstlerischer Praxis und gesellschaftlicher Teilhabe war das durchgehende Motiv: Projekte aus der Gemeinwesenarbeit, künstlerische Interventionen im öffentlichen Raum, partizipatorische Kunstformen als Modell für den Unterricht.

Auch die Frage nach institutionellen Bedingungen von Partizipation – wer hat Zugang zu Kunstunterricht, wer nicht? – wurde in Dresden offener gestellt als auf vorangegangenen Kongressen.

Salzburg 2015: Blinde Flecken

Der 15. Bundeskongress 2015 in Salzburg war in mehrfacher Hinsicht besonders. Er fand erstmals außerhalb des deutschen Sprachraums statt, und er war der bislang am stärksten europäisch ausgerichtete Kongress der Reihe: Veranstalter waren BDK (Fachverband für Kunstpädagogik), bökwe (Berufsverband österreichischer Kunst- und Werkerzieherinnen und Werkerzieher) und lbg (Lehrerinnen- und Lehrer-Bildung Graubünden), mit institutioneller Einbindung der Universität Mozarteum Salzburg. Bernhard Gwiggner von der Uni Mozarteum war maßgeblich an der lokalen Organisation beteiligt.

Das Leitthema “Blinde Flecken” hatte programmatischen Charakter: Was sieht Kunstpädagogik nicht? Welche Schülergruppen, welche Bildpraktiken, welche kulturellen Kontexte bleiben strukturell ausgeblendet? Und: Welche blinden Flecken hat das Fach in seiner eigenen Geschichte und Theoriebildung?

Der Kongress war für diese Plattform der Ausgangspunkt. Die Fragen, die in Salzburg gestellt wurden, haben sich nicht erledigt – sie sind aktueller geworden. Migration und kulturelle Vielfalt im Klassenzimmer, die Dominanz westeuropäischer Kunstgeschichte in Lehrplänen, die fehlende Repräsentation digitaler Bildkulturen: all das sind blinde Flecken, die 2015 benannt wurden und die das Fach seitdem beschäftigen.

Was die Kongress-Reihe zeigt

Wer die sechs Kongresse von München bis Salzburg in einer Reihe betrachtet, sieht eine Fachgemeinschaft, die sich selbst ernstgenommen hat. Sie hat sich nicht damit begnügt, Unterrichtstipps zu sammeln. Sie hat grundlegende Fragen gestellt: über Bildung, über Methode, über den Platz des Faches in einer Schule, die sich unter Druck befindet.

Die Kongress-Reihe ist nicht abgeschlossen. Was nach 2015 folgte und was die Debatten von damals heute bedeuten, ist eine offene Frage – eine, die wir auf diesen Seiten weiter verfolgen wollen.


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